Gesunder Rücken
Versessen auf Abwechslung
Veröffentlicht am:16.02.2025
5 Minuten Lesedauer
Dynamisches Sitzen und regelmäßige Bewegung fördern die Gesundheit im Arbeitsalltag. Positionswechsel, Steh-Meetings und kurze Bewegungspausen beugen Verspannungen vor. Ein Mix aus Sitzen, Stehen und Gehen hilft, die Muskulatur zu aktivieren und Wohlbefinden zu steigern. Informationen vom Bewegungsexperten Prof. Dr. Gerhard Huber.

© Luis Alvarez / GettyImages
Zu viel sitzen schadet der Gesundheit
Gelerntes ist tief in Menschen verankert, nach dem Motto: Wenn du etwas zu essen findest, iss es, denn wer weiß, wann du wieder etwas bekommst. Wenn du sitzen kannst, dann sitz, denn so sparst du Energie. „Was viele Jahrtausende lang hilfreich fürs Überleben war, zeigt sich in unserer Zeit als gesundheitsschädlich“, sagt Dr. Gerhard Huber, Professor für Sportwissenschaft an der Universität Heidelberg. „Durch Sitzen körperlich Energie zu sparen ergibt einfach keinen Sinn, wenn man mehr als bestens mit Nahrung versorgt ist. Weil das in der Evolution sehr lange anders war, habe ich erst mal viel Verständnis für heutige Vielsitzer. Doch mit mehr Abwechslung würden sie sich eindeutig mehr Gutes tun.“
Besser dynamisch herumrutschen
Hier hilft „dynamisches Sitzen“. Statt starr auf einem Bürostuhl zu verharren, werden dabei Sitzposition und Sitzhaltung öfter verändert. Nach vorne neigen, nach hinten neigen, mal aufrecht, mal zurückgelehnt. Viele Bürostühle haben eine Mechanik, mit der das gut gelingt. Auch kleine Bewegungen lassen sich im Sitzen durchführen: Das Gewicht von der einen Gesäßhälfte auf die andere zu verlagern oder auf dem Stuhl regelrecht herumzurutschen, aktiviert unterschiedliche Muskeln und beugt Verspannungen vor.
Gesundheitsförderlich handeln

© Gerhard HUber
„Noch besser ist natürlich, aufzustehen und sich zu bewegen“, sagt Gerhard Huber und weist auf die Vorbildfunktion von Führungskräften hin. Beim Telefonieren herumlaufen, Meetings im Stehen durchführen, höhenverstellbare Schreibtische tatsächlich nutzen und Treppen steigen – der Arbeitsalltag hält viele Gelegenheiten bereit.
„In früheren Zeiten war Sitzen nur Herrschenden vorbehalten, alle anderen hatten zu stehen. Insofern ist es gesellschaftlich eine positive Errungenschaft, dass heute alle sitzen dürfen“, fasst Bewegungs-Experte Huber zusammen.
„Nun dürfen aber auch alle lernen, sich gesundheitsförderlich zu verhalten.“ 60 Prozent dynamisches Sitzen, 30 Prozent Stehen und 10 Prozent gezieltes Herumgehen während der Arbeit wären ein guter Anfang.
Welche gesundheitlichen Folgen kann zu viel sitzen haben?
Gerhard Huber: Die Forschung zeigt seit etlichen Jahren, dass die Folgen vielen Sitzens für den Stoffwechsel weitaus gravierender sind als zum Beispiel ergonomische Sachverhalte. Denn sitzt der Mensch, haben die Muskeln wenig bis nichts zu tun – und die Organe reduzieren ihre Tätigkeiten.
Werden Muskeln jedoch bewegt, setzen sie Botenstoffe frei, die das Immunsystem, einzelne Organe und auch die kognitive Leistungsfähigkeit stärken. Bislang wurden etwa 600 dieser Botenstoffe entdeckt und die Forschung geht weiter.
Studien belegen zudem: Sitzzeiten von täglich mehr als acht Stunden die Sterblichkeit um bis zu 40 Prozent erhöhen. Warum das so ist, wird gegenwärtig entschlüsselt. Kurzum: Dauersitzen ist grundsätzlich gesundheitsschädlich.
„Dauersitzen ist grundsätzlich gesundheitsschädlich.“
Prof. Dr. Gerhard Huber
Professor für Sportwissenschaft an der Universität Heidelberg
Wie können Führungskräfte dazu beitragen, dass Beschäftigte weniger sitzen?
Gerhard Huber: Hilfreich ist, die Thematik zunächst mal in ihrer Vielschichtigkeit wahrzunehmen – auch für sich selbst. Dazu gehört zu verstehen, dass und wie tief Menschen von der Evolution her geprägt sind. Aus unserer Erfahrung mit Programmen zur Unterbrechung von Sitzzeiten wissen wir: Menschen kehren schnell zu gewohnten Verhaltensweisen zurück.
Wie gelingt es, sitzende Arbeit so zu gestalten, dass Aufstehen und Umherlaufen selbstverständlich werden oder sogar Spaß machen?
Gerhard Huber: Da ist Kreativität gefragt. Vor 10.000 Jahren wäre es unsinnig gewesen, im Kreis herumzulaufen, ohne Tiere zu jagen. Heute alle 20 Minuten aufzustehen und sich sinnvoll zu bewegen ist eine Kunst.
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Wie bringen Sie weniger sitzen in Ihren Alltag?
Gerhard Huber: Ich bin häufig in Berlin. Wenn ich da aus dem Zug aussteige, nehme ich für die 25 Höhenmeter in die Bahnhofshalle gern die Treppe. Auf diesem Weg bin ich jedoch zumeist allein, weil die anderen Passagiere trotz der langen Zugfahrt lieber die Rolltreppe nehmen.
Evolution geht weiter
- Viele Jahrtausende sah das Leben der Menschen so aus: Wenn du sitzen kannst, sitz. So sparst du Energie.
- Heute sind wir aber immer mehr als bestens mit Nahrung versorgt und Vielsitzen ist darum sinnlos.
- Tipp: Beim Telefonieren umhergehen.
Dynamik bringt in Schwung
Statt starr auf dem Stuhl zu verharren, mal „dynamisches Sitzen“ ausprobieren:
- Sitzposition und Sitzhaltung öfter verändern.
- Nach vorne neigen, nach hinten neigen, mal aufrecht, mal zurückgelehnt.
- Das aktiviert unterschiedliche Muskeln und beugt Verspannungen vor.
- Tipp: Das Gewicht von der einen Gesäßhälfte auf die andere verlagern oder auf dem Stuhl herumrutschen.
Muskeln können mehr
- Werden Muskeln bewegt, setzen sie Botenstoffe frei, die das Immunsystem und einzelne Organe stärken, auch das Gehirn.
- Im Sitzen verrichten die Muskeln statische Haltearbeit, die zu Verspannungen führt, außerdem reduzieren die Organe ihre Tätigkeiten.
- Darum und aus zahlreichen weiteren Gründen ist Vielsitzen gesundheitsschädlich.
- Tipp: Treppen statt Fahrstühle nutzen.
Weniger sitzen genießen
Der Arbeitsalltag lädt häufig zum Bewegen ein:
- Eine Station früher aussteigen.
- Den Parkplatz nutzen, der etwas weiter entfernt ist.
- Meetings im Stehen durchführen
- Höhenverstellbare Schreibtische tatsächlich nutzen.
- Treppen steigen
- Eine Faustregel kann sein: 60 Prozent dynamisches Sitzen, 30 Prozent Stehen, 10 Prozent gezieltes Herumgehen.
Aufstehen fördert die Gesundheit
- Heute ist das anders. Wer schafft es, alle 20 Minuten das Sitzen zu unterbrechen und herumzulaufen?
- Tipp: Routinen schaffen, zum Beispiel einen Wecker stellen oder sich von Kolleginnen und Kollegen erinnern lassen.
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