Unternehmenskultur
Emotionen: Zeigen oder schweigen?
Veröffentlicht am:28.01.2025
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Wer seine Gefühle versteckt, unterdrückt einen wichtigen Teil dessen, was einen Menschen ausmacht. Eine anerkennende und akzeptierende Gefühlskultur trägt zu einem positiven Arbeitsumfeld im Unternehmen bei. Führungskräfte profitieren vom professionellen Umgang mit Emotionen – den eigenen und denen ihrer Mitarbeitenden. Wie das gelingen kann.

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„Bis vor ungefähr 15 Jahren galten Emotionen landläufig als unprofessionell. Seitdem hat sich viel getan“, sagt Dr. Laura von Gilsa, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Hochschule Fresenius. „Das Thema ist heute deutlich stärker in der Arbeitswelt angekommen.“
Wer seine Gefühle versteckt, unterdrückt damit einen wichtigen Teil dessen, was einen Menschen ausmacht. Eine wertschätzende Unternehmenskultur möchte Beschäftigte in ihrer emotionalen Komplexität anerkennen, inklusive ihrer Gefühle – seien sie positiv oder negativ. Das Ziel: Menschen dürfen bei der Arbeit mehr als bloß Ausführende sein.

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Für Arbeitgeber bedeutet ein gesunder Führungsstil, auch die eigenen Gefühle zu akzeptieren und bewusster wahrzunehmen. Magdalena Rogl ist Diversity & Inclusion Lead bei Microsoft Deutschland und Autorin. Sie sagt: „Emotionen sind Daten, die unser Körper uns schickt.“ Diese können über versteckte Bedürfnisse Aufschluss geben.
Die Voraussetzung dafür ist, die eigenen Gefühle überhaupt benennen zu können. Genau das können Führungskräfte konkret üben. Sie können sich zum Beispiel vor einem Meeting ein paar Minuten im Kalender blocken, um einmal bewusst durchzuatmen und in sich hineinzuhören: Was fühle ich? Bin ich angespannt? Wieso? Diese Akzeptanz-Übungen können ein erster Grundstein für den Kontakt mit den eigenen Emotionen sein.
Das Drehen an solch kleinen Stellschrauben kann dazu führen, dass Führungskräfte resilienter gegenüber Stress sind und das auch ins Team tragen. Bei immer wiederkehrenden belastenden Gefühlen kann professionelle Unterstützung helfen, wie zum Beispiel die Telefonseelsorge.
Darüber sprechen
Dazu gehört auch, die eigenen Gefühle mitzuteilen. Eine gewisse Selbstregulation ist wichtig – besonders für Führungskräfte. Denn manchmal kann es ein Zuviel an Emotionen geben. Beschäftigte sollten nicht mit großer Wut oder extremer Euphorie konfrontiert sein.
Gleichzeitig legt laut Laura von Gilsa die Forschung nahe, dass ein positiver Zusammenhang zwischen dem Zeigen von Gefühlen und der Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen bestehe. „Indem wir offen sind, stärken wir die Beziehung zum Gegenüber. Und so haben wir wiederum die Sicherheit, offen mit unseren Gefühlen zu sein."

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Eine angemessene Umgebung kann mitteilsam machen. Laut Dr. Meike Siebert-Adzic, Personalentwicklerin und Autorin, geht es darum, „geschützte Räume zu schaffen, in denen wir unsere Gefühle leichter zeigen“.
Kleine Nebenräume und gemütliche Sessel sorgen für ein privateres Ambiente. Fotos von Team-Events an den Wänden und Taschentücher auf dem Tisch vermitteln, dass es okay ist, Gefühle zu zeigen.
Positive Emotionen zelebrieren
Auch der Umgang mit positiven Emotionen will gelernt sein. Begeisterung, Interesse, Dankbarkeit: Für Unternehmen kann es sich lohnen, diese Gefühle bei Mitarbeitenden nicht nur zuzulassen, sondern aktiv hervorzurufen und gezielt zu kanalisieren.
Wo gemeinsam gefeiert werden darf, breitet sich gute Laune auch einfacher aus. Wo die Führungskraft emotionalen Anteil an privaten Erfolgen nimmt, kann auch das Interesse der Mitarbeitenden am Unternehmenserfolg steigen und das Wir-Gefühl gestärkt werden. So können Arbeitgeber gemeinsam mit dem Team feiern, wenn Mitarbeitende beispielsweise heiraten oder ein Kind bekommen – natürlich nur, wenn sie einverstanden sind.
Was tun, wenn es mal knirscht
Auch Emotionen, die allgemein negativ belegt sind, gehören zur gemeinsamen Arbeit. Das ist ganz normal. Wenn sie jedoch zu Konflikten führen, können sich diese verselbstständigen und sich sowohl auf die Arbeitsergebnisse als auch die Gesundheit niederschlagen.
Bei vielen Konflikten liegt vor allem eine emotionale über der Faktenebene. Ist ein sachlicher Kompromiss gefunden, sind möglicherweise trotzdem noch Gefühle wie Frustration und Enttäuschung vorhanden – eine gute Streitkultur berücksichtigt daher auch immer die emotionale Ebene.
Ein Beispiel: Ein Teammitglied liefert häufig verspätet Arbeiten ab. Das Team leidet darunter und muss Überstunden machen. Das gibt Zoff, vielleicht wird es persönlich, vielleicht melden sich sogar Leute krank. Wie kommt das Team da raus?
Hier können Arbeitgeber tätig werden: mit Workshops (Konstruktiv streiten, Konfliktmanagement), Richtlinien zur internen Kommunikation, regelmäßigen moderierten Feedbackrunden und Ähnlichem. Das Hauptaugenmerk liegt darauf, negativ konnotierte Gefühle nicht zu vermeiden, sondern in für alle Beteiligten angemessene Bahnen zu lenken und konstruktiv damit umzugehen.

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Auf sachlicher Ebene ansprechen
Wenn es doch einmal zu einer Auseinandersetzung kommt, kann es helfen, wenn sich beide Seiten zuerst über den Streit an sich austauschen und die Emotionen, die sie dabei hatten: Wut, Enttäuschung, Frust, Beleidigtsein, Unverständnis, Sturheit. Ist diese Ebene geklärt können sie den eigentlichen Grund auf einer sachlichen Ebene besprechen.
Magdalena Rogl gibt dabei zu bedenken, dass es keine allgemeingültige Formel für den Umgang mit Mitarbeitenden gibt, die gerade emotional sind: „Ob ich einen Menschen direkt auf seine Gefühlsäußerung anspreche oder mich langsam herantaste, kommt auf seine Persönlichkeit an und auf die Beziehung, die ich zu ihm habe."

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Homeoffice: Fernbeziehungen pflegen
Bei Mitarbeitenden im Homeoffice kann die Kommunikation von Gefühlen zur echten Herausforderung werden. Viele Vorgesetzte finden es schwierig, von zu Hause arbeitende Teams zu managen. Denn das Gespräch am Kaffeeautomaten entfällt und damit auch viel Persönliches.
Führungskräfte können in anlasslosen und regelmäßigen Videocalls oder Telefonaten den Raum für diesen Kontakt schaffen. Die Zusammenarbeit auf digitalen Plattformen bietet auch Lösungen.
So schwärmt Rogl etwa von einer Funktion ihres Kommunikationsprogramms, das sie aktiv daran erinnert, Mitarbeitende zu kontaktieren, mit denen sie länger kein Meeting hatte. Hier gilt: Regelmäßiger persönlicher und offener Austausch ist Wertschätzung.

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Vorteile für Unternehmen
Die Vorteile einer offenen Gefühlskultur sind nicht von der Hand zu weisen: Rogl nennt hier als Beispiele vor allem eine gesteigerte Innovationskraft und eine bessere Zusammenarbeit in divers aufgestellten Teams.
Von Gilsa stellt zudem die gesundheitlichen Vorteile heraus: „Das In-sich-Reinfressen von Ärger kann sich negativ auf das Herz- Kreislauf-System und die Psyche auswirken. Genauso hat jedoch das ungefilterte Ausdrücken von Ärger negative gesundheitliche Konsequenzen. Denn das endet in der Regel damit, dass sich Menschen schuldig – und damit gestresst – fühlen."
Der sozial adäquate Umgang mit Emotionen sei demnach gesundheitlich der beste. Arbeitgeber tun also gut daran, ihre Beschäftigten ganzheitlich wahrzunehmen und zu behandeln. Die Wertschätzung, als Mensch mit positiv und negativ besetzten Emotionen gesehen zu werden, kann viel bewirken.
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