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Kinder

Warum Freundschaften für Kinder so wichtig sind

Veröffentlicht am:31.03.2025

5 Minuten Lesedauer

Welche positiven Effekte haben Kinderfreundschaften? Und was können Eltern tun, wenn sie die Freunde ihrer Kinder als „schwierig“ wahrnehmen oder Kinder keine Freundschaften zu Gleichaltrigen aufbauen? Entwicklungspsychologe Dr. Claus Koch weiß Rat.

Zwei etwa dreijährige Mädchen in bunten Kleidern in einem Park auf einer Holzbrücke. Sie lachen und halten sich fest in den Armen.

© iStock / LSOphoto

Portraitfoto des Psychologen Dr. Claus Koch.

© privat

Dr. Claus Koch ist als Psychologe auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen spezialisiert. Er lebt in Heidelberg und hat selbst vier erwachsene Kinder.

In welchem Alter Kinder die ersten richtigen Freundschaften schließen

Warum träumen Kinder oft von der starken Freundschaft wie in Kinderbüchern?

Wenn Kinder in die Schule kommen, ist die Umgebung für sie neu, manchmal auch unübersichtlich. Da kann eine Freundschaft stabilisieren und Halt geben. Insofern spiegeln die Kinderbücher das wider, was die Sechsjährigen zum ersten Mal in ihrem Leben wahrnehmen: Das Freundschaften einen Wert haben.

Aber Kinderfreundschaften gibt es doch auch schon vor der Schulzeit?

Natürlich, aber die Art der Freundschaft ändert sich. Bis zum Alter von zwei, drei Jahren sind Freundschaften eher aktivitätsorientiert. Ein Kind beobachtet ein anderes Kind beim Spielen, will mitmachen und beide haben auch eine Menge Spaß dabei. Aber für diese kleinen Kinder sind das eher Spielkameradinnen oder -kameraden als tatsächliche Freunde im eigentlichen Wortsinn. Im Mittelpunkt steht das Spiel, nicht die Beziehung zum anderen. Erst danach, also etwa mit drei Jahren, schlägt die Orientierung von der Aktivität auf die Person um. In diesem Alter entstehen die ersten wirklichen Freundschaften.

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Was macht denn eine gute Freundschaft bei Kindern aus?

Ich spreche gern von einem Anker: Eine Freundschaft bietet den Kindern einen festen Ankerplatz. Die Entwicklungspsychologie hat gezeigt, dass Kinder ab sechs, sieben Jahren zunehmend bewusster ihre Freunde und Freundinnen aussuchen. Sie achten stärker darauf, zu wem sie eine gewisse Nähe empfinden. Und je älter die Kinder werden, desto reifer wird auch die Freundschaft. So ab zehn, zwölf Jahren können sie einander Sorgen und Ängste anvertrauen, sie können Erfahrungen teilen und sich gegenseitig trösten. Freundschaften entwickeln sich also mit den Kindern zusammen weiter.

„Bis zum Alter von zwei, drei Jahren sind Freundschaften vorwiegend aktivitätsgebunden.“

Dr. Claus Koch
Psychologe

Wie Eltern die Freundschaften der Kinder unterstützen können

Welchen Einfluss haben Eltern auf die Freundschaften ihrer Kinder?

Einen großen – den darf man nicht unterschätzen. Schon durch das Vorleben nehmen die Eltern Einfluss. Wenn ein Kind sieht, dass die Eltern Freundinnen und Freunde haben und es spürt, wie wohl sie sich in deren Gesellschaft fühlen, hat das natürlich eine Vorbildfunktion. Umgekehrt macht sich ein Kind schon mit sechs, sieben Jahren seine Gedanken, warum es zu Hause immer bedrückt und einsam zugeht. Dadurch können Hemmungen entstehen, auf andere zuzugehen.

Sollen Eltern ihre Kinder dabei unterstützen, Freundschaften zu knüpfen und zu pflegen?

Grundsätzlich gilt: Kinder müssen selbstständig werden, und dazu trägt auch bei, dass sie sich ihre eigenen Freundschaften suchen. Es hilft aber natürlich, wenn die Eltern es ihnen ermöglichen, öfter mal Freundinnen und Freunde zum Spielen nach Hause einzuladen.

Und wenn Kinder keine Freundinnen oder Freunde finden, hilft da eine große Feier mit vielen Gästen?

Das kann furchtbar schiefgehen, denn man kann Freundschaften nicht erzwingen. Natürlich kommen dann viele Kinder, alle haben Spaß miteinander – aber wenn es dann am nächsten Tag wieder in den Alltag geht, dann zeigt sich, dass da keine Freundschaft entstanden ist. Eltern sollten in so einem Fall mit ihrem Kind sprechen. Eine Formel, die ich gern benutze, ist: „Ich sehe, dass du Schwierigkeiten hast, in der Schule einen Freund zu finden. Kannst du mir helfen, dich zu verstehen? Warum ist das so? Wie empfindest du das?“ Wichtig ist, dem Kind keine Vorwürfe zu machen, sondern ihm immer die Initiative zu überlassen.

4 Tipps bei Streit

Was Eltern tun können, wenn es zwischen kleinen Kindern und ihren Freundinnen oder Freunden kracht.

  • Mischen Sie sich nicht aktiv ein, sondern bilden Sie das „Auffangnetz“ im Hintergrund. Das Kind soll eigene Erfahrungen sammeln.
  • Zeigen Sie Verständnis für den Kummer Ihres Kindes.
  • Bieten Sie immer wieder das Gespräch an, um über die Konfliktpunkte zu reden und besprechen Sie, was eine gute Freundschaft ausmacht.
  • Überlegen Sie gemeinsam, wie Lösungsmöglichkeiten aussehen könnten – sowohl fürs Vertragen als auch für ein Ruhenlassen oder Beenden der Freundschaft.

Quelle: Familienportal NRW, Fachartikel „Kinderfreundschaften“, 2023

Keine Verbote: So können Eltern ihren Kindern bei „schwierigen“ Freundschaften helfen

Und wenn Eltern eine Freundschaft als problematisch wahrnehmen?

Eltern neigen natürlich dazu, über Freundinnen und Freunde ihrer Kinder zu urteilen. Und wir beobachten es bei Kindern häufig, dass sie sich Menschen aussuchen, die ganz anders sind als sie selbst. Die Eltern sollten sich da nicht einmischen. Ich finde es wichtig, dass sich Kinder in ihren Freundschaften ausprobieren können. Es ist eine soziale Begegnung mit vielen Erfahrungen, mit Spaß, mit Freude – aber manchmal auch mit Enttäuschungen. Kinder werden sozial kompetent durch ihre Freundschaften, sie müssen viel aushandeln und lernen, unterschiedliche Meinungen zu respektieren.

„Kinder suchen sich häufig Menschen aus, die ganz anders sind als sie selbst.“

Dr. Claus Koch
Psychologe

Aber gibt es nicht auch Fälle, in denen die Eltern nicht tatenlos zuschauen dürfen?

Natürlich müssen Eltern eingreifen, wenn das Wohl des Kindes gefährdet ist. Etwa, wenn es um Drogen geht, um Gewalt oder auch radikale Positionen. In diesen Fällen ist es wichtig, das zur Sprache zu bringen. Aber keinesfalls als striktes Verbot, denn bei älteren Kindern ab der Pubertät führt das sofort zu einem entschiedenen Widerstand.

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Wie sprechen Eltern solche Dinge am besten an?

Der entscheidende Punkt ist, das Kind nicht zu beschämen. Also nicht zu sagen: „Was du da machst, ist ja völlig bescheuert.“ Sondern eher: „Ich verstehe, dass du gern mit dem oder der zusammen bist, weil es da ganz anders zugeht als bei uns zu Hause. Aber ich mache mir Sorgen, dass du so wie neulich anfängst, Alkohol zu trinken.“ Das Kind sollte in solchen Gesprächen immer die Unterstützung raushören.

Zwei männliche Teenager, einer im grünen T-Shirt, der andere in einem karierten Hemd ist nur von hinten zu sehen. Der sichtbare Junge lacht, beide begrüßen sich mit der Faust.

© iStock / mihailomilovanovic

Kinderfreundschaften reifen mit dem Alter: Aus den Spielkameraden der Kleinkindzeit werden beste Kumpel im Teenageralter.

Warum Freundschaften das Immunsystem der Kinder stärken

Wirken sich schon Kinderfreundschaften auf die seelische Gesundheit aus?

Ganz klar! Kinder sind von Geburt an soziale Wesen, deswegen brauchen sie Freundschaften – übrigens nicht nur für die seelische, sondern auch für die körperliche Gesundheit. Sie machen uns zufriedener, glücklicher, seelisch stabiler. Und das wirkt sich direkt auf das Immunsystem aus. Ab ihrem ersten Tag suchen Kinder den Kontakt zu anderen. Das sind zunächst natürlich die Eltern, aber dann wird der Kreis von Jahr zu Jahr größer. Das Wunderbare an einer Freundschaft ist, dass sie schon Kindern vermittelt, anerkannt und akzeptiert zu sein. Und genau das sind existenzielle Bedürfnisse.

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