Gehirn & Nerven
Wie Musik bei Demenz hilft
Veröffentlicht am:02.04.2025
3 Minuten Lesedauer
An Vertrautes aus ihrer frühen Vergangenheit können sich Menschen mit Demenz häufig noch gut erinnern. Das lässt sich gezielt nutzen, sagt Altersmediziner Johannes Pantel im Interview.

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Menschen mit Demenz erinnern sich oft an Lieder aus der Kindheit, nicht aber an ihre Ehe. Warum?

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Johannes Pantel: Beides ist im Langzeitgedächtnis verankert, das Hochzeitsdatum genauso wie die Melodien aus der Kindheit. Das Langzeitgedächtnis besteht aber aus zwei unterschiedlichen Gedächtnissystemen: In einem werden Namen, Geburtstage, Allgemeinwissen und derlei Daten gespeichert. Das ist das semantische Gedächtnis. Diese Inhalte kann man bewusst abrufen, etwa in einer Prüfung.
Daneben gibt es aber noch das prozedurale Gedächtnis, in dem lang eingeübte Handlungen abgespeichert sind – zum Beispiel Auto oder Fahrrad fahren. Aber auch Melodien, Kinderreime oder wie man Klavier spielt sind dort dauerhaft abrufbar.
Das prozedurale Gedächtnis bleibt bei Demenz also länger erhalten?
Ja, richtig. Die Gehirnareale, in denen sich vielfach aufgesagte Gedichte, altbekannte Lieder oder auch Tanzschritte befinden, sind weniger vom Abbau betroffen als Gehirnbereiche, in denen Fakten gespeichert werden. Dinge, die wir in jungen Jahren häufig erlebt oder wiederholt haben, bleiben also oft als Erinnerung erhalten.
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Wie reagieren Menschen mit Demenz auf Märchen oder Lieder?
Sehr positiv. Oft ist das Hören eines alten Lieds oder Märchens eine Erfahrung, die sie schon lange nicht mehr gemacht haben. Wenn sie merken, dass ihnen ein Teil der Melodie einfällt oder sie die Reime oder die Geschichte kennen, ist das ein Erfolgserlebnis. Die Menschen wachen dann regelrecht auf und machen aktiv mit. Die Effekte konnten wir sogar messen. In einem Chor für Menschen mit Demenz verbesserte sich das emotionale Wohlbefinden der Sängerinnen und Sänger nachweislich. Sie hatten zudem weniger Stresshormone im Körper, und auch die Stimmung der Angehörigen hellte sich auf.
Wie lange hält der Effekt an?
In unseren Studien haben wir immer wieder gesehen, dass eine positive Erfahrung zum Beispiel von einer Chorstunde mehrere Tage nachwirkt. Manche Menschen sind dann spürbar zugänglicher, wacher oder in Teilen selbstständiger.

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Wie kann man diesen Teil des Gedächtnisses noch ansprechen?
Zum Beispiel mit Tanzen. Musik animiert förmlich zur Bewegung. Oft ist die Erinnerung an Tanzschritte noch sehr lange erhalten. Es gibt heute vielerorts Mitmachkonzerte und Museumsführungen, die speziell für Menschen mit Demenz konzipiert werden.
Lassen sich so auch die kognitiven Fähigkeiten verbessern?
Gegen die Ursache des Gedächtnisverlustes können wir mit Musikstunden oder Märchenabenden leider nicht „anüben“. Indem man biografisch bedeutsame Inhalte aktiviert, lassen sich jedoch Emotionen auslösen. Wichtig ist, dass es sich um positive Emotionen handelt. Dann fördern sie das Selbstwertgefühl und ermöglichen zudem soziale Teilhabe. All das zusammen kann den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen, sie aber nicht stoppen.
Märchen und Demenz
Professionelle Erzählerinnen und Erzähler vom Kompetenzzentrum Märchenland lesen regelmäßig in Pflegeeinrichtungen vor. Damit rufen sie bei Demenzkranken Kindheitserinnerungen wach und öffnen sanft die Tür ins Langzeitgedächtnis. Die AOK fördert das Angebot.
Können Angehörige auf diese Weise erkrankten Familienmitgliedern helfen?
Auf jeden Fall. Angehörige können das sogar besonders gut, denn sie kennen die Interessen und Vorlieben der betroffenen Person ja am besten. Was hat jemand früher gern gelesen oder gesungen? Welche Hobbys hatte die Person? Gab es eine besonders beeindruckende und erinnerungswürdige Reise?
Wie gehen Angehörige das am besten an?
Einfach loslegen – und zwar ohne Druck und ohne allzu hohe Erwartungen. Wer unsicher ist, kann sich in einer Broschüre der Deutschen Alzheimer Gesellschaft Tipps holen. Wichtig: Die Gesangs- oder Märchenstunde soll nicht überfordern. Auch klappt es mit den Erinnerungen nicht immer beim ersten Anlauf. Davon sollte man sich nicht entmutigen lassen, sondern ein bisschen herumprobieren, worauf das Gegenüber positiv reagiert. Außerdem ist es wichtig, möglichst viele Sinne anzusprechen, also nicht zu kopflastig und mit zu vielen Worten und Wissen zu arbeiten. Die Menschen müssen vor allem etwas anfassen können – wer den „Froschkönig“ vorliest, könnte ja einen goldenen Ball bereithalten. Ein oder zwei solcher Highlights pro Woche, in denen die Menschen aufblühen, genügen schon.