Haut & Allergie
Wie krank macht uns der Klimawandel?
Veröffentlicht am:03.04.2025
4 Minuten Lesedauer
Umweltmedizinerin Prof. Claudia Traidl-Hoffmann erforscht die negativen Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Gesundheit. Im Interview erklärt sie, welche Gefahren drohen – und wie wir uns davor schützen können.

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Prof. Traidl-Hoffmann, wie macht sich der Klimawandel gesundheitlich bemerkbar?
Wir beobachten, dass klimabedingte Veränderungen vor allem Allergien, Asthma und Neurodermitis befeuern. Insbesondere Kinder sind betroffen, weil sie empfindlicher auf Umwelteinflüsse inklusive Schadstoffbelastung reagieren. Mittlerweile haben circa 30 Prozent von ihnen in Deutschland eine Allergie, Tendenz weiter steigend! Gleichzeitig leiden Menschen mit Allergien öfter und intensiver unter diesen oder bekommen erstmals im Erwachsenenalter Symptome. Besonders auffällig ist auch, dass Erwachsene in den vergangenen Jahren immer häufiger Neurodermitis entwickeln – eigentlich eine Kinderkrankheit. Das alles geschieht, weil sich Ökosysteme wie Pollen durch den Klimawandel verändern.
Inwiefern verändern sich die Pollen?
Es gibt vier große Effekte, die der Klimawandel verursacht und die sich direkt auf die menschliche Gesundheit auswirken:
- Die Pollen sind aggressiver: Bäume und Gräser haben mehr Stress als früher, weil Temperaturen, Trockenperioden und die Umweltverschmutzung enorm gestiegen sind. Als Reaktion darauf produzieren ihre Pollen verstärkt ein bestimmtes Eiweiß. Dieses ist extrem allergieauslösend für den Menschen.
- Wir sind mehr Pollen pro Tag ausgesetzt: Schuld daran sind wieder der Stress der Pflanzen durch Hitze, Trockenheit, Umweltverschmutzung sowie eine höhere Ozonbelastung. Der Stress sorgt dafür, dass sie immer mehr Pollen bilden. Doch mehr Pollen pro Tag bedeuten mehr Allergie-Trigger und mehr Symptome für den Menschen.
- Die Pollensaison geht länger: Einige Pollen fliegen bereits im Januar – und damit im Winter. Das war vor einigen Jahren noch nicht der Fall. Dazu belastet sie die Luft teilweise bis in den Herbst. Man könnte sagen: Es ist eine zweite Gräserpollensaison am Ende des Sommers entstanden.
- Es gibt neue Pollen: Ein Beispiel ist Ambrosia. Die Pflanze hat sich in Deutschland angesiedelt, seitdem es hier dauerhaft mildere Temperaturen gibt. Ihre Pollen sind allerdings hochaggressiv und können neben heftigen allergischen Reaktionen auch Asthmaattacken verursachen, weil sie besonders klein sind und bis tief in die Lunge vordringen.
Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann

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Die Umweltmedizinerin Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann ist Direktorin der Hochschulambulanz für Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg sowie Direktorin des Instituts für Umweltmedizin, Helmholtz Munich. Sie erforscht, wie sich der Klimawandel auf Gesundheit und Allergien auswirkt.
Gibt es darüber hinaus weitere Umweltfaktoren, die unseren Körper triggern?
Durchaus! Einer ist Luftverschmutzung, die durch Verbrennungsprozesse entsteht – beispielsweise durch Fahrzeuge, aber auch durch Kraftwerke und Heizungen. Die Menschen sind nicht nur den Pollen, sondern auch einer hohen Schadstoffbelastung ausgesetzt. Eingeatmet verursachen die Schadstoffe auf den Schleimhäuten einen Entzündungsreiz. Und eine geschwächte Schleimhaut ist das beste Einfallstor für Pollen. Insbesondere die ultrafeinen Partikel stellen eine große Gefahr dar, weil sie bis tief in die Lunge vordringen. Daher haben Allergiker und Allergikerinnen in den Städten stärkere Symptome, insbesondere im Sommer. Dann wird die Stadt klimawandelbedingt zum Chemiebaukasten.
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Im Sommer ist es in der Stadt mittlerweile bis zu sieben Grad heißer als auf dem Land. Durch den Wärme- und Trockenstress produzieren die Pflanzen Unmengen hochallergener Pollen. Gleichzeitig verändern UV-Strahlung und Hitze die Schadstoffe in der Luft und machen sie noch aggressiver. Die Kombination aus beidem ist ein GAU für Menschen mit Allergie oder Asthma, aber auch für alle ohne. Denn Schadstoffe fordern jeden Körper. So beobachten wir beispielsweise, dass insbesondere die Lungenerkrankungen im Sommer zunehmen. Doch auch die Zahl der Neurodermitis-Schübe steigt. Denn bei Hitze flammt Neurodermitis erst richtig auf. Das Fatale daran: Die Krankheit ist ein Einfallstor für die Entstehung von Allergien, weil sie die Hautbarriere durchlässig für Allergene macht.
Dann sollten Menschen mit Allergien im Sommer besser die Stadt verlassen?
Oder wir passen den städtischen Raum an die neue Situation an. Aktuell bauen wir immer noch Städte, als würden wir im letzten Jahrtausend leben. Stattdessen müssen wir die Hitzebelastung beispielsweise durch Grünflächen reduzieren. Die Schadstoffbelastung in der Luft muss sinken und gleichzeitig brauchen wir Frühwarnsysteme für Hitze, Schadstoffe und Pollen.

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Das wird leider nicht von heute auf morgen geschehen. Was kann Betroffenen trotzdem helfen?
Allergien sind heilbar. Dafür brauchen Betroffene eine spezifische Immuntherapie, die Hyposensibilisierung, die sie von der Allergologin oder dem Allergologen durchführen lassen. Damit es im besten Fall gar nicht erst so weit kommt, kann jede und jeder Allergien, Asthma sowie Neurodermitis vorbeugen. Mein persönliches Ziel ist es, durch Prävention die Anzahl der Menschen mit Allergien von über 30 auf 10 Prozent zu verringern – und dabei gleichzeitig das Klima zu verbessern. Denn Klimaschutz ist Gesundheitsschutz.
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Wie können wir parallel etwas für das Klima und die Gesundheit tun?
Ein Beispiel ist die fleischarme Ernährung – am besten noch regional und saisonal ohne viele Sojaprodukte, denn sie lösen häufig Allergien aus. Diese Ernährungsform ist ideal für den Planeten und für die Menschen. Insbesondere Kinder profitieren in den ersten zwei Lebensjahren davon als natürlicher Schutz vor Allergien. Dasselbe gilt für Bewegung. Unsere Daten belegen, dass Menschen mit Neurodermitis und Allergien, die vermehrt Sport machen, weniger Symptome haben. Das bedeutet: Öfter Fahrrad anstatt Auto fahren. Wird eine Neurodermitis zudem schon im Kindesalter fachgerecht behandelt, sinkt die Gefahr, später eine Allergie zu entwickeln.