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Mut haben, mit unseren Partnern über Ansteckung zu sprechen
Veröffentlicht am:19.05.2021
9 Minuten Lesedauer
„Ich will davon nichts wissen.“ – So lautet die Einstellung von vielen Menschen, wenn es um sexuell übertragbare Infektionen geht. Dabei sind vor allem die Benutzung von Kondomen und die Verständigung über die Risiken einer Ansteckung entscheidend, um die Übertragung von Krankheitserregern zu verhindern.

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Inhalte im Überblick
- Geschlechtskrankheiten – eine stille Epidemie
- Die häufigsten sexuell übertragbaren Krankheiten
- Warum verbreiten sich Geschlechtskrankheiten wieder vermehrt?
- Hat die Angst, sich mit Geschlechtskrankheiten zu infizieren, abgenommen?
- Wie verringere ich das Risiko einer Infektion?
- Was kann man noch konkret tun?
Im Interview beantwortet Professor Brockmeyer von der Ruhr-Universität Bochum die wichtigsten Fragen rund um sexuell übertragbare Infektionen (STI). Er ist außerdem Leiter des WIR (Walk In Ruhr), dem Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin in Bochum. Hier sind Beratung, Information, Behandlung, Prävention, Psychotherapie und Selbsthilfe unter einem Dach – im Kampf gegen STI.
Geschlechtskrankheiten – eine stille Epidemie
Pro Tag stecken sich weltweit mehr als eine Million Menschen mit Geschlechtskrankheiten an. Trotz dieser immens hohen Zahl, 2019 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgelegt, ist kaum in der Öffentlichkeit angekommen, wie verbreitet Infektionen sind. Kein Wunder, dass Mediziner Erkrankungen, die durch sexuelle Kontakte verursacht werden, als stille Epidemie bezeichnen.
„Still“ deshalb, weil darüber nicht geredet wird. „Und weil in vielen Fällen eine Infektion in der Anfangsphase ohne auffällige Symptomatik verläuft“, sagt Professor Norbert H. Brockmeyer, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft (DSTIG). Ihr Ziel: die sexuelle Gesundheit fördern und über sexuell übertragbare Infektionen aufklären (STI; englisch Sexually Transmitted Infections).
„Aufgrund der Menge verfügbarer Informationen zum Thema Sexualität überschätzen auch viele Heranwachsende ihr Wissen, obwohl sie hinsichtlich der STI oft nur mangelhafte Kenntnisse haben“, stellt Professor Brockmeyer fest. Verhütung werde zum Beispiel oft nur im Zusammenhang mit Schwangerschaftsverhütung gesehen – und nicht mit Geschlechtskrankheiten.
Jugendliche über STI, die Ansteckungsrisiken und Schutzmöglichkeiten zu informieren, ist daher laut Professor Brockmeyer ganz besonders wichtig. Auch Eltern könnten einen großen Teil zur Aufklärung beitragen, da junge Menschen heutzutage ihre ersten sexuellen Erfahrungen relativ früh machen.
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Warum verbreiten sich Geschlechtskrankheiten wieder vermehrt?
Professor Dr. Brockmeyer: "Das Internet spielt hier eine wesentliche Rolle. Die digitale Kommunikation, zum Beispiel in sozialen Netzwerken, Chatrooms und App-Gruppen oder das Verabreden über Dating-Apps, erleichtert die Kontaktaufnahme und Annäherung sowie das Entstehen von Freundschaften und sexuellen Kontakten. Und diese führen ohne Schutzmaßnahmen zu einem höheren Aufkommen von sexuell übertragbaren Infektionen."
„Wir müssen den Mut haben, mit unseren Partnern zum einen über Sexualität, zum anderen über die Möglichkeit der Ansteckung mit STI zu sprechen.“
Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer
Leiter des WIR (Walk In Ruhr) in Bochum, das Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin, und Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft

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Nein, viele Menschen möchten sich auf das HI-Virus, den Auslöser von AIDS, testen lassen. Die Gefahr, sich mit Chlamydien, Gonorrhoe oder Syphilis zu infizieren, ist dagegen viel höher. Aber trotz der bundesweiten Aufklärungskampagnen, zum Beispiel durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, ist das Bewusstsein für andere STI als HIV nur selten vorhanden.
Dass sie auf die leichte Schulter genommen werden, hängt auch damit zusammen, dass in der Anfangsphase häufig keine Symptome auftreten.
Wie verringere ich das Risiko einer Infektion?
Das Grundproblem ist: Über Sexualität wird nicht geredet – und über STI schon gar nicht. Das Thema Geschlechtskrankheit ist tabu. Die Frage, ob eventuell die neue Bekanntschaft eine Geschlechtskrankheit, aufgrund von Symptomen oder vielen Sexualkontakten, haben könnte, wird häufig nicht gestellt.
Insofern wäre eine erste vorbeugende Maßnahme, sich über das Risiko einer Infektion und den Gesundheitszustand des Partners zu informieren. Allgemein gilt: Wir müssen den Mut haben, mit unseren Partnern zum einen über Sexualität, zum anderen über die Möglichkeit der Ansteckung mit STI zu sprechen.
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Was kann man noch konkret tun?
Safer Sex praktizieren und damit durch eigenes Verhalten die Gefahr einer Ansteckung mit STI reduzieren. Dazu gehört zum einen die Verwendung von Kondomen beim Vaginal- und Analverkehr und von sogenannten Dental Dams wie Latex-, Intim- oder Lecktüchern beim Oralverkehr. Wichtig ist hierbei, dass die richtige Kondomgröße benutzt wird. Denn dass nicht jedes Kondom zu jedem Glied passt, wissen die wenigsten Männer.
Richtig angewendet, schützt das Kondom mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent vor STI. Positiv in diesem Zusammenhang ist, dass heute bei Sexualkontakten mehr als 70 Prozent ein Kondom benutzen. Zum anderen empfehle ich, die Aufnahme von Samen- beziehungsweise Scheidenflüssigkeit in den Mund zu vermeiden.
Schließlich sollten sich beide Partner auf STI testen lassen, dann hat man die Sicherheit, keine Erreger zu übertragen. Kommunikation, Kondom und Kontrolltests sind ein wirkungsvoller Dreiklang. Um Infektionsketten zu durchbrechen, ist es auch notwendig, den Partner zu informieren. Wer sich in ärztliche Behandlung begibt, trägt dazu bei, die Übertragung von Krankheitserregern zu minimieren.