Psychologie
Wie toxische Männlichkeit der Gesundheit von Männern schaden kann
Veröffentlicht am:21.09.2022
7 Minuten Lesedauer
Aktualisiert am: 20.03.2025
Toxische Männlichkeit ist zu einem großen gesellschaftlichen Thema geworden. Meist geht es darum, wie destruktives Verhalten von Männern anderen schadet. Doch auch für Männer selbst kann es gesundheitliche Folgen haben – körperlich und psychisch.

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Inhalte im Überblick
Definition: Was ist toxische Männlichkeit?
Unter dem Begriff „toxische Männlichkeit“ versteht man das Festhalten an traditionell männlichen Denk- und Verhaltensweisen, mit denen Männer und männlich gelesene Personen sich selbst und anderen Menschen schaden können. Mit männlich gelesenen Personen sind alle Menschen gemeint, die von der Gesellschaft aufgrund von äußeren Merkmalen wie Kleidung, Körperbau, Frisur, oder Stimme dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden. Schuld daran, dass viele Menschen diese traditionellen Denk- und Verhaltensweisen weiter ausüben, ist meist die Sozialisation: Durch veraltete, aber immer noch aktive, Rollenbilder ist der Begriff „Männlichkeit“ nach wie vor mit bestimmten Eigenschaften verknüpft. So heißt es etwa, Männer dürfen keine Gefühle oder Schwäche zeigen, sondern müssen hart und unnahbar sein. Toxische Männlichkeit bedeutet also nicht, dass Männer an sich schädlich sind. Es sind verschiedene Aspekte, die aufgrund von Gesellschaft und Kultur vorgeben, wie Männer sein sollen. Das Aufwachsen mit diesen Rollenbildern kann dazu führen, dass ein Mann keine wirkliche Verbindung zu sich selbst, seinem Körper oder seinen Emotionen aufbaut – und somit auch die Grenzen anderer Menschen nicht einschätzen kann. Mögliche Folgen sind unter anderem:
- aggressives Verhalten
- emotionale Distanzierung
- Selbstvernachlässigung und daraus resultierende Beeinträchtigungen der körperlichen und mentalen Gesundheit
Männer profitieren auch von toxischer Männlichkeit
Toxische Männlichkeit und patriarchale Strukturen sind eng miteinander verbunden.
Mit toxischer Männlichkeit geht auch eine gewisse „Macht über Frauen“ einher, die wiederum die patriarchalen Strukturen beeinflusst. In diesen ist die Bevorteilung der Männer gegenüber den Frauen fest verankert. Die patriarchalen Strukturen verleihen Männern Macht und Privilegien. Frauen und anderen Menschen marginalisierter, also an den Rand der Gesellschaft gedrängter, Gruppen, verweigert sie diese dagegen. Nicht zuletzt, weil gerade „männliche“ Eigenschaften und Verhaltensweisen im Vergleich zu „weiblichen“ als gut und Erfolg bringend angesehen werden.
Durch welches Verhalten äußert sich toxische Männlichkeit?
Toxische Männlichkeit ist im Alltag allgegenwärtig. Es ist das Unterbrechen oder Übergehen von Frauen oder marginalisierten Menschen in Gesprächen und Diskussionen. Es ist das Verkaufen einer Idee als die eigene, obwohl sie von einer anderen Person stammt. Es ist die Konzentration auf die eigene Sexualität und das Ignorieren der sexuellen Bedürfnisse einer Partnerin oder eines Partners. Es ist das Rechtfertigen von Fehlverhalten mit den Sätzen „Ich bin nun mal ein Mann“ oder „Er ist eben ein Junge“.
Toxische Männlichkeit kann sich aber auch dahingehend äußern, dass Männer oft den Frauen zugeschriebene Verhaltensweisen als „weich“ oder „schwach“ bezeichnen – zum Beispiel Weinen oder Verletzlichkeit – und sich dadurch überlegen fühlen. Oder dass sie Gewalt nutzen, um Autorität, Dominanz und Kontrolle zu erlangen. Toxische Männlichkeit hat viele Gesichter. Dennoch haben sich vor allem in den letzten Jahren verschiedene Begriffe geprägt, die einzelne Verhaltensweisen konkretisieren:
Mansplaining Manterruption Manspreading Hepeating
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Folgen toxischer Männlichkeit für die mentale Gesundheit
Wer von toxischer Männlichkeit spricht, spricht meistens darüber, wie diese Frauen, marginalisierten Gruppen und der Gesellschaft schadet. Dabei kann sich toxische Männlichkeit auf Männer und männlich gelesene Personen selbst negativ auswirken. Eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2014 zeigte, dass toxische Männlichkeit mit der „Mental Health“, also der psychischen Gesundheit von Männern zusammenhängen kann. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt auch die US-amerikanische Organisation zur Prävention und Behandlung von Angstzuständen und Depressionen, die „Anxiety and Depression Association of America“. Laut ihr können Jungen, die nicht lernen, mit ihren Gefühlen umzugehen, später eine Angststörung entwickeln. Zudem ist es im Erwachsenenalter möglich, dass das Unterdrücken von psychischen Beschwerden wie Depressionen, Traumata und Angstzustände deren Symptome noch verstärken. Im schlimmsten Fall kann dies bei den betroffenen Männern zu Isolation, Verlust des Arbeitsplatzes oder von Freunden und sogar zum Suizid führen.
Mediziner und Medizinerinnen weisen immer wieder daraufhin, dass Männer bei Bedarf seltener eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen – möglicherweise aus Angst, schwach zu erscheinen oder nicht in der Lage zu sein, für ihre Familie zu sorgen. Diese Denkweise kann Männer auch davon abhalten, wichtige Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen. Es zeigt sich außerdem, dass toxische Männlichkeit mit einem gesteigerten Risikoverhalten, vermehrtem Suchtmittelmissbrauch sowie einer erhöhten Suizidrate in Zusammenhang stehen kann. Nicht zu vergessen sind die Männer und männlich gelesenen Personen, die keine Merkmale toxischer Männlichkeit aufweisen und infolgedessen unter sozialer Ausgrenzung leiden können.

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Wie kann ich als Mann Verhaltensweisen toxischer Männlichkeit vermeiden?
Es gibt nicht die eine Antwort, die das Problem der toxischen Männlichkeit in der Gesellschaft löst. Trotzdem können Männer und männlich gelesene Personen auf einige Dinge achten, um mögliche unerwünschte Auswirkungen der toxischen Männlichkeit sowohl auf ihr eigenes Leben als auch auf das ihrer Mitmenschen zu verringern:
- Gestehen Sie Fehler ein: Niemand kann Veränderung oder Vorankommen bewirken, ohne ehrlich zu den Eigenschaften und Verhaltensweisen zu stehen, die er ändern möchte. Vielleicht haben Sie in früheren Beziehungen nicht ausreichend kommuniziert; vielleicht haben Sie sich in Konfliktsituationen auf Ihre körperliche Größe oder Stärke verlassen, um andere einzuschüchtern. Machen Sie sich deshalb keine Vorwürfe, sondern konzentrieren Sie sich stattdessen darauf, diese Verhaltensweisen zu erkennen und abzulegen.
- Führen Sie Gespräche: Fragen Sie Freunde und Freundinnen nach ihren Sichtweisen – insbesondere diejenigen mit anderen Geschlechteridentitäten. Versuchen Sie in diesen Gesprächen, sich nicht zu verteidigen oder Ihr Verhalten zu rechtfertigen. Erfragen Sie, wie sich Ihre Handlungen auf andere ausgewirkt haben, und versuchen Sie, Verständnis aufzubringen.
- Machen Sie andere Männer aufmerksam: Ihnen fällt bei Ihren Freunden, in der Familie oder engem Kollegenkreis toxische Männlichkeit auf? Sprechen Sie Ihr Gegenüber darauf an und machen Sie es darauf aufmerksam. Vielleicht ist der anderen Person ihr Verhalten nicht bewusst und Sie kann von Ihnen noch etwas lernen.
- Arbeiten Sie kontinuierlich an sich: Um sich von toxischen Denk- und Verhaltensmustern zu lösen, müssen Sie ehrlich zu sich selbst sein und Geduld haben. Es ist ein Prozess, der Zeit braucht.
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Wie kann ich meine Kinder vor toxischer Männlichkeit schützen?
Wenn Sie Ihr Kind vor toxischer Männlichkeit schützen möchten, gilt es zunächst, die Risikofaktoren zu kennen. Dazu gehören folgende:
- Gewalt zu Hause, in Beziehungen, in den Medien oder im persönlichen Umfeld
- fehlende Behandlung von traumatischen Erlebnissen und Stress
- soziale Ausgrenzung unter Gleichaltrigen
- ungünstige Verhaltenskontrolle (zum Beispiel übermäßig sexualisierte Einstellungen und Verhaltensweisen)
- soziale Normen, die männliche Gewalt und Dominanz dulden
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Diese Präventionsstrategien können außerdem dabei helfen, toxische Männlichkeit zu vermeiden:
- Informieren Sie sich über die negativen Folgen von körperlicher Bestrafung und Demütigungen gegenüber Kindern.
- Schaffen Sie eine sichere und gesunde Umgebung sowie eine vertrauensvolle Beziehung zu Ihren Kindern, indem Sie ihnen gewaltfreie Beziehungen und Kommunikation vorleben.
- Bringen Sie Ihren Kindern bei, ihre Gefühle auszudrücken und zu regulieren.
- Erkennen und behandeln Sie psychischen Stress Ihrer Kinder, der auch durch die Sozialisierung der Geschlechterrolle ausgelöst werden kann.
- Informieren Sie sich über Programme, die dabei helfen können, Jungen und Männer auf eine nicht toxische Weise in die Gesellschaft zu integrieren.