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Zöliakie – wenn Gluten krank macht

Veröffentlicht am:17.06.2021

7 Minuten Lesedauer

Aktualisiert am: 26.03.2025

Wer an Zöliakie erkrankt, bekommt durch glutenhaltige Lebensmittel Beschwerden wie Bauchschmerzen und fühlt sich erschöpft. Im Interview erklärt Gastroenterologe Prof. Detlef Schuppan, welche Ursachen Zöliakie haben kann und was Betroffenen hilft.

Eine Frau schaut im Supermarkt nach glutenfreien Produkten.

© iStock / Aja Koska

Herr Professor Schuppan, handelt es sich bei Zöliakie um eine Allergie?

Nein. Bei einer Zöliakie finden autoimmunologische Prozesse statt. Der Körper produziert Antikörper, wenn er mit Gluten in Berührung kommt. Das erinnert zwar an eine Allergie. Bei der Erkrankung werden aber andere Immunzellen aktiviert, die körpereigene Strukturen angreifen. Damit ähnelt eine Zöliakie eher einer Autoimmunerkrankung.

„Bei einer Zöliakie handelt es sich nicht um eine Allergie, sie ähnelt eher einer Autoimmunkrankheit.“

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Detlef Schuppan
Direktor des Instituts für translationale Immunologie der Universität Mainz und Professor für Gastroenterologie am Beth Israel Medical Center, Harvard Medical School, Boston, USA

Welche Ursachen hat die Zöliakie?

Mittlerweile ist vieles darüber bekannt, was zu einer Zöliakie führen kann. In erster Linie muss eine genetische Komponente gegeben sein. Sie ist die Grundvoraussetzung, um zu erkranken. Interessant ist, dass aber ein Drittel der Bevölkerung die genetische Veranlagung hat, ohne dass die Mehrzahl von ihnen eine Zöliakie entwickelt.

Neben dieser notwendigen genetischen Veranlagung werden deshalb auch exogene, also äußere Faktoren als Auslöser angenommen. Dazu zählen beispielsweise Magen-Darm-Infektionen, Veränderungen der normalen Darmbakterien, wahrscheinlich einige Medikamente und auch Stress. Auch andere genetische Veranlagungen wie aktivere Entzündungsgene spielen eine Rolle.

„Ein Drittel der Bevölkerung trägt die Veranlagung zur Zöliakie in sich, die Mehrheit davon entwickelt sie aber nie.“

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Detlef Schuppan
Direktor des Instituts für Translationale Immunologie der Universität Mainz und Professor für Gastroenterologie am Beth Israel Medical Center, Harvard Medical School, Boston, USA

Immer mehr Menschen leiden an einer Zöliakie. Woran liegt das?

Es gibt eine hohe Dunkelziffer an Zöliakie-Patienten und -Patientinnen; meist mit geringeren oder atypischen Symptomen, also vorwiegend ohne Bauchbeschwerden. Man schätzt, dass in Deutschland circa ein Prozent der Menschen an Zöliakie erkrankt sind, viele ohne es zu wissen. Bei diesen Patientinnen und Patienten ist Gluten der Auslöser. Bemerken Betroffene bei sich selbst eine Glutenunverträglichkeit, beispielsweise durch anhaltenden Durchfall, ohne dass man bei ihnen eine Zöliakie nachweisen konnte, ist nicht das Gluten für die Beschwerden verantwortlich, sondern andere Weizenproteine.

Da es den betroffenen Personen häufig trotzdem hilft, Weizen oder anderes glutenhaltiges Getreide vom Speiseplan zu streichen, wird im Volksmund noch von Glutenunverträglichkeit gesprochen. Experten und Expertinnen nutzen hingegen mittlerweile den Begriff Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität (NCWS: non celiac wheat sensitivity). Aber selbst dieser Begriff ist noch zu eng gefasst, weil die Auslöser der Beschwerden auch in anderen, verwandten glutenhaltigen Getreidesorten vorkommen.

Prof. Detlef Schuppan

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Detlef Schuppan, Direktor des Instituts für translationale Immunologie der Universität Mainz

© privat

Der Gastroenterologe Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Detlef Schuppan ist Direktor des Instituts für Translationale Immunologie der Universität Mainz mit Ambulanz für Zöliakie und Dünndarmerkrankungen. Außerdem hat er das Buch „Tägliches Brot: Krank durch Weizen, Gluten und ATI“ geschrieben.

Warum kommt es zu einer Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität (NCWS)?

Die NCWS kommt schätzungsweise bis zu zehnmal so häufig vor wie die Zöliakie. Ursache kann einerseits eine atypische Allergie gegen verschiedene Weizenproteine sein. Von einer atypischen Allergie spricht man deshalb, weil es sich um eine andere allergische Reaktion als die typischen Sofortreaktionen, wie Schleimhautschwellung und Rötungen in Mund und Rachen oder Atemwegsprobleme, gegen Lebensmittel handelt. Hierbei werden andere Immunzellmechanismen aktiviert als bei den typischen Allergien. Sie sind nicht mit den herkömmlichen Allergietests nachweisbar. Bauchschmerzen, Blähungen oder Durchfall treten erst Stunden bis zu einen Tag nach Verzehr des auslösenden Nahrungsmittels ein.

Von den etwa 15 Prozent der Bevölkerung mit der Diagnose „Reizdarm“ leiden geschätzt mehr als 50 Prozent an der genannten atypischen Nahrungsmittelallergie, davon reagieren circa 60 Prozent auf Weizen und weitere 20 bis 30 Prozent auf Kuhmilchprodukte, Soja oder Hefe. Die restlichen Patientinnen und Patienten reagieren allergisch auf Ei. Diese Allergien lassen sich durch Auslassversuche eingrenzen und objektiv nur durch eine Spezialendoskopie mit 1000-facher Vergrößerung durch Auftragen der jeweiligen Allergene auf die Dünndarmschleimhaut nachweisen. Lassen Betroffene die identifizierten Allergene weg, sind sie meist beschwerdefrei.

Anderseits kann die NCWS auch durch eine entzündliche Reaktion gegen eine definierte Klasse von Weizenproteinen, die Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATI), ausgelöst werden. Die ATI-Proteine im Weizen und in verwandten (anderen glutenhaltigen) Getreiden kommen in geringerer Menge im Weizenprotein vor als die vorherrschenden Glutenproteine (circa 3 Prozent gegenüber circa 80 Prozent). ATI stimulieren in jedem Menschen eine leichte Entzündung im Darm, die bei Gesunden keine Beschwerden verursacht. Bei Patienten mit anderen aktiven Erkrankungen, insbesondere Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder multipler Sklerose, aber auch bei Stoffwechselerkrankungen wie Fettleber oder Typ Diabetes 2 können sie diese verschlechtern.

„Es gibt eine hohe Dunkelziffer an Zöliakie-Patienten und -Patientinnen.“

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Detlef Schuppan
Direktor des Instituts für Translationale Immunologie der Universität Mainz und Professor für Gastroenterologie am Beth Israel Medical Center, Harvard Medical School, Boston, USA

Woran erkenne ich eine Zöliakie?

Zöliakie ist das Chamäleon der Inneren Medizin mit diffusen Symptomen. Patientinnen und Patienten klagen häufig über Beschwerden wie Durchfall, Bauchschmerzen, Blähungen oder auch Verstopfung. Ein klassisches Leitsymptom gibt es aber nicht. Bei Kindern deutet eine Gedeihstörung auf Zöliakie hin.

Erwachsene können auch mit unspezifischen Beschwerden wie Leistungsknick, Kopfschmerzen oder Gelenkschmerzen konfrontiert sein. Menschen mit Zöliakie sind auch nicht automatisch untergewichtig, was viele denken, sondern können auch übergewichtig sein.

Mögliche Symptome von Zöliakie im Überblick

Die Zöliakie hat viele Gesichter. Folgende Symptome treten häufig auf:

  • Erschöpfung, Müdigkeit
  • Bauchschmerzen, Übelkeit
  • Blähungen, vorgewölbter Bauch
  • anhaltender Durchfall oder Verstopfung
  • Fettstuhl
  • bei Erwachsenen: weniger Appetit, Gewichtsverlust, Blutarmut, Eisenmangel
  • bei Kindern und Jugendlichen: Schwierigkeiten mit Gewichtszunahme, Wachstumsstörung, verzögerte Pubertät
  • Depressionen, gereizte und niedergeschlagene Stimmung

Zudem haben einige Menschen mit Zöliakie mit Schwindel und Bewegungsstörungen zu kämpfen.  
 

Wie wird eine Zöliakie diagnostiziert?

Im ersten Schritt mit einer Blutuntersuchung, bei der nach Antikörpern gesucht wird. Bei aktiver Zöliakie lassen sich im Blut Antikörper gegen das körpereigene Enzym Transglutaminase 2 nachweisen, einer der besten Tests in der Medizin. Als zusätzliche Absicherung wird meist eine Dünndarmendoskopie mit Entnahme einiger Biopsien gemacht. Zum Beispiel vor allem dann, wenn die Symptome nicht eindeutig oder die Antikörper nur leicht erhöht sind.

Einer Frau werden Backwaren angeboten, die sie mit erhobener Hand ablehnt.

© iStock / RealPeopleGroup

Da Gluten in vielen Getreidesorten enthalten ist, müssen an Zöliakie erkrankte Menschen auf viele Backwaren verzichten. Es gibt jedoch eine große Auswahl an glutenfreien Broten, Brötchen und anderen Getreideerzeugnissen.

Wie wird Zöliakie behandelt?

Eine Zöliakie wird behandelt, indem Gluten strikt vermieden wird. Das bedeutet, weniger als 20 Milligramm Gluten pro Kilogramm Nahrungsmittel zu sich zu nehmen. Demnach darf ein Brot mit einem Kilogramm Gewicht höchstens 20 Milligramm Gluten enthalten. Dieser Wert gilt auch für sensible Zöliakie-Betroffene als vertretbar. Normalerweise heilt eine Zöliakie mit der strikten glutenfreien Diät folgenlos ab. Das kann jedoch länger dauern, manchmal mehr als ein Jahr – während es den Patientinnen und Patienten aber schon rasch besser geht.

Für Betroffene ist es wichtig, auch Spuren von Gluten, die sogenannte Glutenkontamination, zu vermeiden, was schwierig sein kann, da die meisten verfeinerten Lebensmittel (undeklariert) Gluten enthalten können. Nicht verfeinerte Lebensmittel, als Kohlenhydratträger zum Beispiel reine Kartoffeln und Reis, sind gut geeignet, da sie kein Gluten enthalten.

Zur Zeit laufen mehrere Studien zu spezifischen Zöliakie-Medikamenten, die kleinere Mengen aufgenommenen Glutens unschädlich machen können, sodass insbesondere Patienten und Patientinnen mit höher Glutenempfindlichkeit geholfen werden kann.

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Zöliakie bei Kindern: Was sind Herausforderungen?

Eine besondere Herausforderung ist es, bei erkrankten Kindern die glutenfreie Ernährung sicherzustellen. Zu Hause ist das in der Regel kein Problem. Eltern, die selbst keine Zöliakie haben, ernähren sich für ihr Kind oftmals ebenfalls glutenfrei. Im Kindergarten und in der Schule klappt es nicht immer, Gluten vollständig zu vermeiden. Wichtig ist es, den Kindern beizubringen, worauf sie achten müssen. Schon Drei- bis Vierjährige können das verstehen.

Die Zöliakiegesellschaft (DZG) ist in Deutschland sehr aktiv und bietet Unterstützung mit Kindergruppen an und gibt Ernährungsratschläge.

Wichtig zu wissen: Erhält ein Kind die Diagnose Zöliakie, kann es gut möglich sein, dass auch ein Elternteil oder Geschwisterkind erkrankt ist – manchmal, ohne es zu wissen, weil die Symptome oft uneindeutig sind. Zur Abklärung wird bei Angehörigen ersten Grades deshalb ebenfalls ein Antikörpertest empfohlen. Außerdem ist es sinnvoll, bei geringstem Verdacht auf Zöliakie assoziierte Autoimmunkrankheiten wie Autoimmunthyreoiditis, eine chronische Entzündung der Schilddrüse, oder Typ-1-Diabetes abklären zu lassen.

„Bereits mit vier Jahren können Kinder ihre Erkrankung verstehen und beispielsweise im Kindergarten selbst darauf achten, was sie essen.“

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Detlef Schuppan
Direktor des Instituts für Translationale Immunologie der Universität Mainz und Professor für Gastroenterologie am Beth Israel Medical Center, Harvard Medical School, Boston, USA

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Sind Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll, die beim Abbau von Gluten helfen?

Diese Mittel haben zu wenig Wirksamkeit. Zwar konnte in Zellkulturen gezeigt werden, dass die Enzyme Gluten abbauen können, für den Zöliakie-Patienten beziehungsweise die -Patientin reicht die Wirksamkeit aber nicht aus.

Die Erkrankung ist zu komplex und Gluten kann durch die Nahrungsergänzungsmittel nicht überall effektiv abgebaut werden. Patienten und Patientinnen sollten sich daher nicht darauf verlassen, sondern Gluten strikt vermeiden.

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