Diabetes in der Schwangerschaft rechtzeitig erkennen und behandeln
Während der Schwangerschaft wird Diabetes festgestellt – nach der Geburt verschwindet er wieder. Der sogenannte Gestationsdiabetes (Gestation = Schwangerschaft) gehört zu den häufigsten Komplikationen während der Schwangerschaft. Was bedeutet das für Mutter und Kind? Wie kann man ihn erkennen und behandeln? Das erläutert Thomas Ebel, Arzt beim AOK-Bundesverband.

Fünf Prozent aller Schwangeren sind betroffen
Von einem Schwangerschaftsdiabetes merken die Frauen meistens nichts.„Weil aber die erhöhten Blutzuckerwerte dem Ungeborenen und der Mutter schaden können, haben alle schwangeren Frauen im Rahmen der Mutterschaftsvorsorge Anspruch auf einen Test, der eine sichere Diagnose liefert“, betont Ebel. Die AOK bezahlt diesen Blutzuckerbelastungstest (Glukosetolerenztest) für ihre Versicherten. Er wird im sechsten oder siebenten Schwangerschaftsmonat angeboten. Etwa fünf Prozent aller Schwangeren haben erstmals erhöhte Blutzuckerwerte. Ein erkannter und behandelter Gestationsdiabetes kann Komplikationen vorbeugen.
Wie der Blutzuckerbelastungstest abläuft
„Dieser Zuckertest misst, wie der Körper auf eine größere Menge Traubenzucker reagiert“, erklärt AOK-Arzt Ebel. Genau genommen handelt es sich um zwei Tests: In einem Vortest, für den die Schwangere nicht nüchtern sein muss, trinkt sie eine konzentrierte Zuckerlösung. Nach einer Stunde wird Blut aus einer Armvene entnommen, um die Höhe des Blutzuckers zu bestimmen. Ist der Wert erhöht, also mehr als 7,5 mmol/l (Millimol pro Liter; das entspricht 135 mg/dl) folgt ein aufwendigerer Diagnosetest.
Wenn beim Diagnosetest einer der drei folgenden Normwerte erreicht oder überschritten ist, wird die Diagnose Schwangerschaftsdiabetes gestellt.
- Nüchtern: 5,1 mmol/l (92 mg/dl)
- Nach einer Stunde: 10,0 mmol/l (180 mg/dl)
- Nach zwei Stunden: 8,5 mmol/l (153 mg/dl)
O-Ton von Thomas Ebel, Arzt im AOK-Bundesverband
Werte normalisieren sich meist nach der Geburt
Doch die Diagnose bedeutet nicht, dass die Betroffenen dauerhaft zuckerkrank sind. In den meisten Fällen normalisieren sich die Werte wieder nach der Geburt. „Die betroffenen Frauen haben allerdings ein höheres Risiko, später im Leben einen Diabetes mellitus Typ 2 zu entwickeln, sodass sie ihre Blutzuckerwerte regelmäßig kontrollieren lassen sollten“, hebt Ebel hervor.
Folgen erhöhter Blutzuckerwerte
Zu viel Zucker im Blut der Mutter bedeutet immer auch zu viel Zucker im Kreislauf des Ungeborenen. Die Folge: Die Kinder werden größer und schwerer, sodass sich die Geburt möglicherweise nach dem Austritt des Kopfes verzögert. Denn manche Kinder bleiben mit der Schulter hängen („Schulterdystokie“). „Hebammen, Ärztinnen und Ärzte müssen dann sofort reagieren, denn es handelt sich um einen geburtshilflichen Notfall, bei dem es auch zu Sauerstoffmangel beim Kind kommen kann“, so Ebel.
Durch die hohen Blutzuckerwerte steigt auch das Risiko für eine Fehl- oder Frühgeburt und damit für einen Kaiserschnitt. „Zudem besteht die Gefahr, dass das Neugeborene direkt nach der Geburt unterzuckert ist“, so Ebel. Die betroffenen Schwangeren neigen dazu, zusätzlich zu den erhöhten Blutzuckerwerten auch Bluthochdruck zu entwickeln.
Hormonumstellung ist Ursache
Warum bei manchen Frauen die Blutzuckerwerte während der Schwangerschaft entgleisen, ist nicht geklärt. Eine Ursache ist die Hormonumstellung: Die Schwangerschaftshormone schwächen die Wirkung des Insulins, sodass der Zucker im Blut nicht in die Zellen gelangen kann. „Erhöhte Blutzuckerwerte in der Schwangerschaft treten besonders häufig bei Frauen mit einer genetischen Veranlagung auf, bei solchen, die übergewichtig sind, Verwandte mit Diabetes haben oder schon einmal Schwangerschaftsdiabetes hatten“, erläutert Mediziner Ebel. In diesen Fällen ist eine Blutzuckeruntersuchung schon zu Beginn der Schwangerschaft ratsam.
Was Schwangere tun können
Frauen mit einem Schwangerschaftsdiabetes sollten von Ärztinnen oder Ärzten betreut werden, die diabetologisch geschult sind. Dort lernen sie, den Blutzucker regelmäßig zu messen. Sie erfahren, was sie selbst tun können und ob sie Insulin spritzen müssen. „Die meisten Frauen bekommen die erhöhten Blutzuckerwerte durch eine Umstellung der Ernährung und durch regelmäßige Bewegung in den Griff“, sagt Arzt Ebel. Dabei ist Folgendes zu beachten:
- Auf zuckerhaltige Lebensmittel und Getränke sollten Schwangere mit Diabetes verzichten, denn Zucker besteht aus einfachen Kohlenhydraten, die den Blutzuckerspiegel nach oben schnellen lassen. Komplexe Kohlenhydrate – vor allem in Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten und Kartoffeln – sind dagegen besser, weil sie nur nach und nach ins Blut übergehen. Gegessen werden sollten Gemüse und fettarme Nahrungsmittel, sodass eine ballaststoffreiche und gesunde Kost garantiert ist.
- Statt drei Hauptmahlzeiten ist es besser, fünf oder sechs kleinere Mahlzeiten über den Tag verteilt zu essen. Auch dadurch steigt der Blutzuckerspiegel nach dem Essen nicht so stark an.
- Für eine regelmäßige Bewegung eignen sich zum Beispiel Ausdauersportarten, Schwangerschaftsgymnastik oder zügige Spaziergänge.
AOK-Arzt Ebel: „Mit diesen Maßnahmen erleben die allermeisten betroffenen Frauen eine normale Schwangerschaft und bringen ein gesundes Kind zur Welt.“