Was sich jetzt ändern muss
Steigende Ausgaben, zunehmende Bürokratie, demografischer Wandel, aber auch Fachkräftemangel und Digitalisierung sind Themen, die die Leistungserbringer nicht nur anlässlich der Bundestagswahl bewegen. Drei Beispiele aus dem Main-Tauber-Kreis zeigen, wo die Weichen dringend neu gestellt werden müssen.

Der Main-Tauber-Kreis liegt im Norden von Baden- Württemberg und gehört zur Region Heilbronn- Franken. Über 130.000 Menschen leben und arbeiten in der ländlichen Gegend, auch Roland Rechtenwald, Christian Rechtenwald und Wolfgang Hofmann. Sie sind Allgemeinmediziner mit verschiedenen Spezialisierungen und führen die Umpfertalpraxis in Boxberg-Schweigern. Auch Laura Müller, Ärztin in Weiterbildung, praktiziert dort. Zehn Medizinische Fachangestellte unterstützen das Team, zwei als geschulte Versorgungsassistentinnen (VERAH), die sich um schwer chronisch kranke Patientinnen und Patienten kümmern.
Die Praxis legt Wert auf umfassende allgemeinmedizinische Betreuung und berücksichtigt alle Befunde anderer Fachdisziplinen. Dazu gehören unter anderem Programme für chronische Erkrankungen und technische Untersuchungen wie EKG, Lungenfunktion und Ultraschall. Prävention spielt eine große Rolle. „Wir haben ein Erinnerungssystem, das unsere Patienten auf Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen hinweist“, erklärt Roland Rechtenwald. Bereits 1989 hat er Karteikarten verbannt und digitalisierte seine Praxis. Videosprechstunden sind Standard.
„Die meisten unserer Patienten sind im AOK-Hausarzt-Programm. Ohne die HZV gäbe es unsere Praxis nicht.“
Hausarzt, Umpfertalpraxis in Boxberg-Schweigern
Mehr Freiräume, weniger Bürokratie

möchte weniger Bürokratie und dadurch
mehr Zeit für seine Lotsenfunktion.
Das Team arbeitet in einem modernen Umfeld auf 350 Quadratmetern. Das 2018 errichtete Praxisgebäude ist ein KfW-Effizienzhaus, das nur 55 Prozent der Energie eines konventionellen Neubaus benötigt, und bietet das ganze Jahr über angenehme Temperaturen. „Mit großer Leidenschaft und Motivation versorgen wir aktuell 3.500 Patientinnen und Patienten – einige kenne ich seit über 30 Jahren. Da ist oft eine enge Arzt-Patienten-Bindung entstanden“, so Rechtenwald.
Doch die Zeiten sind herausfordernd, besonders beim medizinischen Nachwuchs in ländlichen Regionen. Baden-Württemberg vergibt jährlich 75 Medizin-Studienplätze über die Landarztquote. „Das ist ein wichtiger Schritt, löst das Problem aber nur teilweise“, meint Rechtenwald. Viele Ärztinnen und Ärzte arbeiten in Teilzeit und scheuen die Praxisverantwortung. Hier braucht es neue Konzepte, ist der 65-Jährige überzeugt. Ohne die über 64.000 ausländischen Ärztinnen und Ärzte könnte das deutsche Gesundheitswesen kaum funktionieren. Ein Thema bewegt ihn besonders: der bürokratische Aufwand in Praxen.
„Wir müssen immer mehr Daten aufbereiten dokumentieren und nachweisen. Das kann so nicht weitergehen.“ Auch zur Vergütung bezieht er Stellung: „Um den Arztberuf attraktiv zu halten, brauchen wir angemessene Honorare.“ Er lobt das wissenschaftlich evaluierte Konzept der selektivvertraglichen Hausarztzentrierten Versorgung (HZV), kombiniert mit dem AOK-FacharztProgramm.
Die Hausärztin oder der Hausarzt ist dabei erste Anlaufstelle, somit Lotse und wird besser vergütet als in der Regelversorgung. Das Programm reduziert Bürokratie und schafft mehr Zeit für Patientinnen und Patienten, etwa durch die Vermeidung von Doppeluntersuchungen. Kernstück dieser Verträge ist die inter- und multiprofessionelle Zusammenarbeit in einer Teampraxis. „Die meisten unserer Patientinnen und Patienten sind im AOK-HausarztProgramm eingeschrieben. Ohne die HZV gäbe es unsere Praxis nicht“, ist Rechtenwald überzeugt. Insgesamt wünscht sich Rechtenwald eine bessere Zusammenarbeit und Kommunikation im Gesundheitswesen. „Zu viele Partikularinteressen stehen dem im Weg“, sagt er.
„Die Landarztquote ist ein wichtiger Schritt, löst das Problem aber nur teilweise.“
Hausarzt, Umpfertalpraxis in Boxberg-Schweigern
Knappe Ressourcen effizient einsetzen

Dr. Jochen Selbach will eine besseren Steuerung von Akutfällen, um Notaufnahmen zu entlasten.
Etwa 15 Kilometer von Boxberg-Schweigern entfernt liegt Bad Mergentheim. Nahe dem Stadtkern steht das Caritas-Krankenhaus, das größte Akutkrankenhaus der Region und ein zentrales Versorgungszentrum in Nordwürttemberg. In zehn Fachkliniken, zwei Instituten und zehn qualit.tsgeprüften medizinischen Zentren kümmern sich über 1.450 Mitarbeitende um die Patientinnen und Patienten. Jährlich behandeln sie fast 22.000 stationäre und mehr als 45.000 ambulante Fälle.
Jochen Selbach leitet seit vielen Jahren die Medizinische Klinik 3 und behandelt mit seinem Team internistische Erkrankungen. Zudem ist er Vorsitzender der Kreisärzteschaft Bad Mergentheim und vertritt rund 540 Ärzte in der Region. Er sieht in der Digitalisierung des Gesundheitswesens eine große Chance zur Verbesserung der Versorgung. „Gesundheitsdaten sind leider schwer zugänglich. Wir müssen diesen Anachronismus bei patientenorientierten Daten beenden und bessere Lösungen finden“, fordert er.
Oft kommen Patientinnen und Patienten ohne Arztbrief und Medikationsplan, was viel Zeit kostet, um Informationen zu sammeln. Die elektronische Patientenakte biete hier eine große Chance, den Datenfluss zu verbessern.
„Gesundheitsdaten sind schwer zugänglich. Wir müssen diesen Anachronismus beenden und bessere Lösungen finden.“
Chefarzt Medizinische Klinik 3, Caritas-Krankenhaus, Bad Mergentheim
Reform war überfäliig
Zur Krankenhausreform hat er eine klare Meinung: „Die war längst überf.llig, auch wenn Baden-Württemberg in vielen Bereichen schon vorgearbeitet hat.“ Die Einführung von Leistungsgruppen und Vorhaltepauschalen sei grundsätzlich der richtige Ansatz. Auch die Erhöhung der Versorgungsqualität durch gebündelte und koordinierte Strukturen sei entscheidend. So könnte das knappe Gesundheitspersonal effizienter eingesetzt werden. Die Qualitätskriterien in Krankenhäusern sollten jedoch realistisch angesetzt werden, um keinen Mangel an Fachärzten zu provozieren. „Wir müssen unsere knappen Ressourcen effizienter und bedarfsorientiert einsetzen“, ist er überzeugt.
Das „Ein-Tresen-Prinzip“, welches mit der Reform der Notfallversorgung hätte kommen sollen, bewertet Jochen Selbach positiv. Die neue Regierung sollte das Vorhaben unbedingt wieder aufgreifen. In Deutschland gibt es jährlich rund zwölf Millionen ambulante Notfälle. Täglich suchen über 34.000 Menschen eine Notaufnahme auf. Eine bessere Steuerung von Not- und Akutfällen muss überlastete Notaufnahmen für echte Notfälle freimachen. „Die Versorgung bei Notfällen durch nicht ärztliches Personal und die Einbindung der Telemedizin sind sinnvolle Schritte“, erklärt Selbach.
Der AOK-Pflegereport 2024 zeigt, dass grundlegende Reformen auch im Pflegebereich dringend nötig sind. Die Wahrscheinlichkeit, pflegebedürftig zu werden, ist seit 2017 durchschnittlich um 22 Prozent gestiegen, mit deutlichen regionalen Unterschieden in Baden-Württemberg. „Der demografische Wandel macht auch vor Deutschland nicht halt. Pflege muss deshalb als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gelten“, fordert Swantje Popp von der Regionaldirektion Hohenlohe-Tauber der Evangelischen Heimstiftung. Sie ist verantwortlich für neun Pflegeheime, darunter das Johann-Benedikt-Bembé- Stift in Bad Mergentheim. Rund 80 Mitarbeitende kümmern sich dort unter der Leitung von Roswitha Brenner um 83 Bewohner.
„Der demografische Wandel macht in Deutschland nicht halt. Immer mehr alte Menschen leben hier. Pflege muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gelten.“
Regionaldirektion Hohenlohe-Tauber, Evangelische Heimstiftung
Sektorengrenzen aufbrechen

„Wir brauchen dringend Konzepte, um die Attraktivität der Pflegeberufe zu steigern“, betont Swantje Popp. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern leidet dieser Beruf hier unter mangelnder Wertschätzung. Politik, Kommunen und Träger sollten dem Fachkräftemangel mit wirksamen Maßnahmen begegnen und die Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessern. Etwa durch Bürokratieabbau bei der Anwerbung ausländischer Fachkräfte, die Weiterentwicklung der generalistischen Pflegeausbildung oder die Gewinnung ehrenamtlicher Helfender.
Sie plädiert für die Aufhebung der Trennung von stationär und ambulant. „Wir brauchen eine bessere Verzahnung der Leistungsbereiche.“ Weiteres wichtiges Thema sind die steigenden Eigenanteile in der Pflege. „Die Entlastungen des Pflegeunterstützungs- und -entlastungsgesetzes sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, so Popp. Steigende Kosten und höhere Eigenanteile fressen diese Entlastungen schnell auf. Hier braucht es eine grundlegende Reform der Finanzierung. Die Initiative „Pro Pflegereform“, in der sich die Evangelische Heimstiftung engagiert, fordert deshalb eine Weiterentwicklung der Pflegeversicherung durch den „Sockel-Spitze-Tausch“ mit einem festen Eigenanteil.