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Apps für die Psyche boomen

31.03.2025 Thorsten Severin 3 Min. Lesedauer

Die Zahl psychischer Erkrankungen steigt und mit ihnen die Zahl digitaler Anwendungen, die Betroffenen helfen sollen. Experten sehen in den Apps für die Psyche ein gutes Instrument, doch sind sie nicht für jeden Patienten geeignet. Für Nutzer ist es zudem nicht immer einfach, gute von schlechten Angeboten zu unterscheiden.

Foto: Eine Frau mittleren Alters sitzt auf einem hellen Sofa und hält ein Tablet in die Hand, in das sie schaut.
Digitale Gesundheitsanwendungen können seit Ende 2019 verschrieben werden.

Vor fünf Jahren wurden die ersten digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) im Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gelistet. Die Apps auf Rezept sollen Erkrankungen vor allem lindern und dabei unterstützen, mit Beschwerden umzugehen. Die Programme können von Ärzten sowie Psychotherapeuten verordnet werden oder Patienten mit einer psychischen Erkrankung stellen selbst einen Antrag zur Kostenübernahme einer DiGA bei ihrer Krankenkasse. Inzwischen sind in der BfArM-Liste 69 DiGA aufgeführt, 28 davon für psychische Erkrankungen. Von letzteren werden die meisten bei Depressionen angewendet, gefolgt von Apps gegen Angst- und Panikstörungen. Aber auch zum Thema Essstörungen wie Bulimie, zu Schlafstörungen, Nikotinabhängigkeit, Alkoholproblemen oder der Borderline-Erkrankung finden sich digitale Helfer. Selbst leichte kognitive Störungen sollen mittels DiGA behandelt werden können.

DiGA am häufigsten für Psyche von Hausärzten verschrieben

„Wissenschaftliche Auswertungen zeigen: die digitalen Programme wirken“, sagt Professorin Margrit Löbner vom Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP) der Universität Leipzig. Für einige der Programme zeigten sich gar vergleichbare Effekte wie durch eine Psychotherapie. Außerdem seien sie immer und überall verfügbar und die User bräuchten keine große Hemmschwelle zur Teilnahme zu überwinden. Allerdings könnten die Online-Anwendungen Therapien von Angesicht zu Angesicht oder eine medikamentöse Behandlung nicht ersetzen. „Die Apps sind einfach ein guter zusätzlicher Behandlungsbaustein“, so die Psychologin.

Am häufigsten würden DiGA für die Psyche von Hausärzten verschrieben, erläutert Löbner. Die Patientinnen und Patienten könnten dann schauen, ob diese Form der Behandlung ausreiche oder ob weiterhin behandlungsbedürftige Beschwerden vorliegen. Die digitalen Anwendungen können die Zeit bis zum Beginn einer Psychotherapie überbrücken. Darüber hinaus kann eine App für die Psyche eine Ergänzung zur Face-to-Face-Therapie darstellen oder auch zur Nachsorge nach Abschluss einer ambulanten oder einer stationären Behandlung dienen.

Löbner warnt allerdings davor, Betroffenen eine App aufzudrängen. „Der Patient muss sich eine solche Behandlung vorstellen können. Wenn jemand dem digitalen Programm skeptisch bis ablehnend gegenübersteht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er es nicht durchhält oder gar nicht erst beginnt.“ Die Gründe dafür können vielfältig sein: die Bevorzugung einer klassischen Psychotherapie oder von Medikamenten, technische Hürden oder die Anonymität des Programms. „Bei einem früheren Abbruch ist am Ende nichts gewonnen für den Betroffenen“, gibt Löbner zu bedenken.

Großteil der Anwendungen auf Deutsch oder Englisch

Umfragen zeigen, dass ein Viertel der User die Nutzung vorzeitig einstellt, andere Erhebungen gehen sogar von knapp einem Drittel aus. Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) muss in diesen Fällen trotzdem den vollen Preis bezahlen. Der AOK-Bundesverband macht sich daher seit längerem dafür stark, eine Art Testzeitraum einzuführen. „Während dieser Zeit sollen die Patientinnen und Patienten die App ausprobieren können und es würde ein geringerer Preis an den Hersteller gezahlt“, sagt Dr. Katrin Krämer, Abteilungsleiterin Versorgungsmanagement im AOK-Bundesverband.

Inhaltlich folgen die Apps für die psychische Gesundheit in der Regel den Erkenntnissen der kognitiven Verhaltenstherapie, beschreibt Wissenschaftlerin Löbner. Meistens handele es sich um einen Mix aus psychoedukativen Inhalten und interaktiven Übungen. Tagebucheinträge und Übungen für den Alltag kommen ebenso vor wie Entspannungs- und Atemübungen. Menschen sollen in die Lage versetzt werden mit ihren Symptomen und Belastungen besser umzugehen oder werden animiert, positive Erfahrungen zu machen, sich mehr zu bewegen, soziale Kontakte zu fördern oder sich angstauslösenden Situationen zu stellen. Einige der Programme arbeiten mit Bildern, Audioübungen und Videos. Allerdings bieten nur wenige DiGA mehr als nur Deutsch oder Englisch als Sprache an.

Apps von Personen aller Altersstufen genutzt

Unterschieden wird in Fachkreisen laut Löbner zwischen „begleiteten“ und „unbegleiteten“ Selbstmanagementprogrammen. Geringere Abbruchquoten gebe es, wenn die Programme begleitet würden, also zum Beispiel ein Psychologe als eine Art „Guide“ im Hintergrund unterstützt. Mit Begleitung könne aber auch gemeint sein, dass automatisierte Nachrichten an unerledigte Aufgaben oder Lektionen erinnern und zum Weitermachen motivieren. „Die Drop-out-Quote ist dann wesentlich geringer“, so die Leipziger Forscherin. Als Blended Care bezeichnet man es, wenn die Nutzung der App mit der klassischen Psychotherapie in Praxen oder Kliniken verzahnt wird.

Die Apps können von Personen aller Altersstufen genutzt werden, auch von Menschen über 80. Das Durchschnittsalter der Nutzer von Psycho-Apps liegt laut Löbner aber bei etwa 45 Jahren, wobei der größte Anteil der Nutzer zwischen 50 und 59 Jahre alt sei. Frauen nutzen die DiGA öfter als Männer, gut Gebildete häufiger als Menschen mit geringer Bildung. Lediglich unter 18-Jährige können die DiGA nicht nutzen. Die zugrunde liegenden Studien haben diese nicht eingeschlossen.

Für potenzielle Nutzer und Behandler ist es aber oft nicht leicht, gute von schlechten Angeboten zu unterscheiden. „Es sollte darauf geachtet werden, ob es einen Nutzennachweis gibt“, empfiehlt Löbner. „Ideal wäre, wenn durch eine randomisierte, kontrollierte Studie die Wirksamkeit nachgewiesen wurde.“ Wichtig sei zudem Transparenz. Die Apps sollten eine genaue Auskunft darüber geben, für wen das Programm geeignet ist, für welche Indikation es genau gedacht ist, wer es entwickelt hat, wie hoch die Kosten sind und wie der Datenschutz gewahrt wird. Bei der Fülle von Programmen im App Store, außerhalb der DiGA-Liste, sei das nicht immer gleich erkennbar, sagt Löbner. Bei den DiGA selbst handele es sich um CE-zertifizierte Medizinprodukte.

Foto: Illustration mit Smartphone, Arztkoffer, Stethoskop usw. zur Visualisierung von Digitalen Gesundheitsanwwendungen.
Vor fünf Jahren wurden per Gesetz die digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) eingeführt. Haben sich die „Apps auf Rezept“ seitdem bewährt und können vielleicht sogar Therapien ersetzen? Wo gibt es Verbesserungspotenzial?
18.09.2024Tina Stähler4 Min

DiGA zum Teil vorläufig in BfArM-Liste aufgenommen

Allerdings können DiGA auch vorläufig, ohne Nutzennachweis des Anbieters, in die BfArM-Liste aufgenommen werden. Zurzeit befinden sich sechs der 28 im Verzeichnis aufgeführten Anwendungen für die Psyche noch in der Erprobung. Franziska Weigel, Referentin Versorgung im AOK-Bundesverband, rät dazu, auf Nummer sicher zu gehen und auf dauergelistete DiGA zurückzugreifen. Ohnehin stößt bei der AOK und anderen Kassen auf Unmut, dass DiGA, die sich in der Erprobungsphase befinden und deren Nutzen noch nicht klar ist, zulasten der GKV verordnet werden können. Eine DiGA aus dem Bereich Psyche schloss die Erprobungsphase bislang nicht erfolgreich ab und wurde aus dem Verzeichnis wieder herausgenommen.

Als ein wichtiges Kriterium für eine gute App verweist Weigel darauf, dass eine App für die Psyche Notfallnummern und Ansprechpartner in akuten Krisen enthalten sollte. Denn schnell kann es zu einer Verschlimmerung beim Patienten kommen. Auch aus Löbners Sicht sind schnell erreichbare Notfalladressen ein Qualitätskriterium für ein gutes Programm.

Nicht unerwähnt bleiben darf aus Sicht der AOK, dass gerade bei angestrebten Veränderungen des Lifestyles – zum Beispiel einem Rauchverzicht – auch anderweitige niedrigschwellige Angebote außerhalb von DiGA zur Verfügung stehen, etwa digitale Programme der Kassen.

Eine AOK-Umfrage aus dem Jahr 2023 ergab, dass damals bereits 58 Prozent der Befragten die Nutzung von DiGA als sinnvolle Ergänzung zu ihrer Therapie betrachteten. Und immerhin 40 Prozent gaben an, dass ihnen die Anwendung geholfen habe. Ein Problem sieht Expertin Löbner allerdings darin, dass über alle medizinischen Bereiche hinweg nur zwölf Prozent der Mediziner überhaupt DiGA verschrieben. Das liege vor allem an einem geringen Wissen über die Angebote. „Die meisten Ärzte haben keine Zeit, sich neben dem Praxisalltag hier noch einzuarbeiten.“ Da die Programme bei psychischen Störungen gut helfen könnten, tue eine bessere Information der Mediziner not, etwa mithilfe von spezifischen Infomaterialien für den eigenen Behandlungskontext.

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